Mehr als jeder dritte Abiturient fällt durch. Eine Schülerin hält daraufhin eine emotionale Wutrede gegen Schule, Lehrer und Bildungssystem – und löst eine bundesweite Debatte aus.
Eine Abiturrede soll eigentlich Dankbarkeit ausdrücken. In Hagenow wurde sie zur Generalabrechnung. Nachdem rund ein Drittel des Abiturjahrgangs die Prüfungen nicht bestanden hatte, nutzte eine Schülerin die Bühne für eine schonungslose Kritik an Lehrern, Schulleitung und dem Bildungssystem. Ihre Worte verbreiteten sich binnen Stunden in den sozialen Medien und sorgen inzwischen bundesweit für Diskussionen.
Sachverhalt
Am Gymnasium in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) traten insgesamt 52 Schüler zu den Abiturprüfungen an. 17 bestanden das Abitur nicht, ein weiterer Schüler wurde gar nicht erst zugelassen. Die Durchfallquote lag damit bei rund 34 Prozent – und damit deutlich über dem üblichen Durchschnitt.
Während der offiziellen Abschlussfeier ergriff eine betroffene Abiturientin das Wort.Sie stellte öffentlich die Frage, ob tatsächlich so viele Schüler plötzlich zu schlecht gewesen seien oder ob nicht vielmehr Schule und Bildungssystem ihr eigenes Handeln hinterfragen müssten. Ihre Rede gipfelte schließlich in dem Satz:
„Fickt euch einfach nur alle!“
Das Publikum reagierte mit lautem Applaus. Das Video der Rede verbreitete sich anschließend rasant über TikTok und andere soziale Netzwerke.
Rechtliche Einordnung
Juristisch ist zunächst zwischen der Kritik am Bildungssystem und möglichen Beleidigungen zu unterscheiden. Die Meinungsfreiheit aus Art. 5 Abs. 1 GG schützt auch scharfe, emotionale und überspitzte Kritik. Erst wenn die Diffamierung einzelner Personen im Vordergrund steht und keine sachliche Auseinandersetzung mehr erkennbar ist, kann die Grenze zur strafbaren Beleidigung (§ 185 StGB) überschritten sein.
Die pauschale Formulierung „Fickt euch einfach nur alle!“ richtet sich ersichtlich gegen eine Vielzahl von Personen beziehungsweise gegen das gesamte System – mit unbekannten Personen dahinter. Ob eine strafbare Beleidigung vorliegt, erscheint deshalb zumindest zweifelhaft. Maßgeblich wären die konkreten Umstände des Einzelfalls.
Nach Bekanntwerden des Falls kündigte jedenfalls das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommerns an, die außergewöhnlich hohe Durchfallquote prüfen zu wollen.
Meinung und Schluss
Über den Ton kann man trefflich streiten. Aber unser Bundesland ist in aller Munde – bei der Jugend!
Hinsichtlich der Durchfallquote von 34 Prozent sollte man dagegen ernsthaft diskutieren. Natürlich trägt jeder Abiturient Verantwortung für seine eigene Leistung. Wer das Abitur bestehen will, muss lernen und es schaffen.
Aber wenn plötzlich mehr als jeder dritte Schüler scheitert, darf man durchaus die Frage stellen, ob das ausschließlich an den Schülern liegt. Vielleicht war der Jahrgang tatsächlich außergewöhnlich schwach oder faul oder schlecht oder andersbegabt oder … oder … wurde außergewöhnlich streng bewertet ….. oder es treffen alle Faktoren zusammen?
Genau deshalb wäre eine sachliche Aufarbeitung wichtiger als gegenseitige Schuldzuweisungen.
Eines zeigt der Fall aber ebenfalls: Wer junge Menschen über Jahre zu Kritikfähigkeit erzieht, sollte sich nicht wundern, wenn diese Kritik irgendwann laut ausgesprochen wird. Free-Speech ist das Wort!
Man muss die Wortwahl der Schülerin nicht gut finden. Ihre zentrale Frage sollte man dennoch ernst nehmen: Wenn ein Drittel durchfällt – wer muss sich dann eigentlich hinterfragen? Nur die Schüler?