Wenn Bildung kapituliert

In Berlin wird ernsthaft diskutiert, Literaturklassiker wie Goethe an Gymnasien zu vereinfachen oder zurückzudrängen, um den Unterricht „zugänglicher“ zu machen. Kritiker sehen darin keinen pädagogischen Fortschritt, sondern eine Kapitulation vor dem eigenen Bildungsauftrag.

Goethe gilt als Grundpfeiler deutscher Bildung – zumindest bislang. Doch in Berlin wird darüber debattiert, ob klassische Texte an Gymnasien vereinfacht oder teilweise ersetzt werden sollen, um Schülern den Zugang zu erleichtern. Was nach moderner Pädagogik klingt, wirft eine unangenehme Frage auf: Muss sich Bildung künftig dem kleinsten gemeinsamen Nenner anpassen?

Sachverhalt

Ausgangspunkt der aktuellen Debatte ist die Bildungsrealität an Berliner Gymnasien. Lehrkräfte berichten von sinkender Lesekompetenz, Verständnisschwierigkeiten bei klassischen Texten und wachsender Überforderung vieler Schüler. Als Reaktion wird diskutiert, anspruchsvolle Werke – etwa von Goethe – sprachlich zu vereinfachen oder durch modernere Texte zu ersetzen.

Befürworter argumentieren, Literatur müsse anschlussfähig bleiben und dürfe niemanden ausschließen. Kritiker hingegen sehen darin eine Absenkung des Anspruchs und einen gefährlichen Präzedenzfall: Wenn Klassiker nur noch in didaktisch entschärfter Form gelesen werden, verliere Schule ihre Funktion als Ort geistiger Herausforderung.

Die Debatte steht dabei nicht isoliert. Auch in anderen Bundesländern werden grundlegende Inhalte infrage gestellt. In Nordrhein-Westfalen etwa wird darüber diskutiert, das schriftliche Dividieren im Unterricht abzuschaffen – zugunsten „lebensnaher Kompetenzen“.

Auswirkungen

Rechtlich ist die Debatte (noch) folgenlos, bildungspolitisch jedoch brisant. Gymnasien definieren sich traditionell über ein höheres Anforderungsniveau. Wird dieses Niveau systematisch abgesenkt, verliert das Gymnasium sein Profil – und Schüler verlieren die Chance, an komplexem Denken zu wachsen.

Langfristig droht eine Entkernung klassischer Bildung: weniger Texttiefe, weniger Sprachgefühl, weniger geistige Anstrengung. Die Folgen zeigen sich nicht sofort, sondern Jahre später – an Universitäten, im Berufsleben und in der politischen Debattenkultur.

Meinung und Schluss

Goethe muss sich also jetzt „uns anpassen“. Wirklich? Oder liegt das Problem nicht eher woanders?

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier nicht Goethe zu schwierig ist, sondern der Mut fehlt, etwas zu verlangen. Bildung lebt nicht davon, alles leicht zu machen, sondern davon, Widerstand zu erzeugen. Klassiker sind kein Netflix-Content, der nach zehn Minuten funktionieren muss. Sie sind Zumutung – und genau das ist ihr Wert.

Und dann dieser größere Zusammenhang: In Nordrhein-Westfalen soll ernsthaft das schriftliche Dividieren abgeschafft werden. Kein Witz. Da fragt man sich unweigerlich: 

Habt ihr sie noch alle?

Wer grundlegende Kulturtechniken und Denkfähigkeiten entsorgt, weil sie anstrengend sind, darf sich später nicht wundern, wenn komplexe Zusammenhänge politisch, wirtschaftlich oder gesellschaftlich nicht mehr verstanden werden. Vielleicht kann man das jetzt schon an etlichen Politikern sehen, die unsere Geschicke lenken sollen.

Vielleicht liegt hier auch eine unbequeme Wahrheit: Diejenigen, die heute Bildung systematisch vereinfachen, waren womöglich selbst keine Leuchttürme schulischer Leistung. Jetzt spielen sie Bildungspolitik – und erklären ausgerechnet den Schülern, dass Anstrengung überbewertet sei.

Goethe muss sich nicht anpassen. Schule muss sich trauen, wieder Schule zu sein. Alles andere ist keine Reform, sondern ein pädagogisches Armutszeugnis.

Besorgt und wütend Ihr Rechtsanwalt Thomas Penneke

2 Gedanken zu „Wenn Bildung kapituliert“

  1. Sie sprechen mir mal wieder aus dem Herzen. Ich bin total entsetzt. Soll es soweit kommen, dass Gymnasiasten schlechter gebildet sind als Hauptschüler vor 50 Jahren?
    Aber angesichts des Bildungsstands und der fehlenden Kompetenzen gewisser Politischer wundert es mich nicht, dass die Anforderungen permanent runtergeschraubt werden. Und das in einem Land, das für sehr gute Bildung bekannt war.
    Ich hege noch einen üblen Verdacht: will man Wähler heranziehen, die leicht zu manipulieren und zu regieren sind, weil sie nicht fähig sind, Zusammenhänge und Ursachen zu verstehen? Ganz düstere Aussichten! 🙁

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